„Wir glauben nicht an Gott, weil wir ihn brauchen, sondern weil er uns liebt“, Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Wie beten wir?

Lesungen zum 30. Sonntag im Jahreskreis: Sir 35,15b-17.20-22a;Ps 34,2-3.17-18.19 u. 23;2 Tim 4,6-8,16-18;Lk 18,9-14

„Die beiden Hauptfiguren der Erzählung gehen zum Tempel hinauf, um zu beten, aber sie verhalten sich sehr unterschiedlich und erlangen entgegen gesetzte Ergebnisse. … Der Pharisäer betet zu Gott, aber in Wirklichkeit blickt er auf sich selbst. …

Es genügt also nicht, uns zu fragen, wie viel wir beten. Wir müssen uns auch fragen, wie wir beten oder besser, wie unser Herz ist: Es ist wichtig, das zu erforschen, um die Gedanken, die Empfindungen zu bewerten und Überheblichkeit und Heuchelei auszumerzen. Ich frage jedoch: Darf man mit Überheblichkeit beten? Nein. Darf man mit Heuchelei beten? Nein. Wir dürfen nur beten, indem wir uns vor Gottes Angesicht stellen, so wie wir sind. Nicht wie der Pharisäer, der mit Überheblichkeit und Heuchelei betete. Wir alle sind von der Hektik des Alltags ergriffen, oft widersprüchlichen Empfindungen ausgesetzt, benommen, verwirrt. Wir müssen lernen, den Weg zu unserem Herzen wiederzufinden, den Wert der Innerlichkeit und der Stille zurückzugewinnen, denn dort begegnet uns Gott und spricht zu uns. Nur von dort her können wir unsererseits den anderen begegnen und mit ihnen sprechen. Der Pharisäer ist zum Tempel gegangen, er ist sich seiner sicher, aber er merkt nicht, dass er sich auf dem Weg seines Herzens verirrt hat.

Der Zöllner dagegen – der andere – geht mit demütigem und reumütigem Herzen in den Tempel: Er »blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust« (V. 13). Sein Gebet ist sehr kurz, es ist nicht so lang wie das des Pharisäers: »Gott, sei mir Sünder gnädig!« Sonst nichts. Ein schönes Gebet! … Das Gleichnis lehrt, dass man nicht aufgrund seiner gesellschaftlichen Zugehörigkeit gerecht oder ein Sünder ist, sondern dadurch, wie man zu Gott in Beziehung steht und wie man zu den Brüdern in Beziehung steht.“

PAPST FRANZISKUS GENERALAUDIENZ Mittwoch, 1. Juni 2016